Forschung
- Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos
- Great Expectations: Spatial Frontiers in 19th and 20th Century Oceanography
- "Raumschiff Erde": Lebensraumphantasien im Umweltzeitalter
- "Life Support": Lebensraum im Experiment
- Welt-Räume: Raum- und Globalgeschichte
Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos. Wissenschaftliche Ballonfahrt in Deutschland, 1880-1910
Der "Traum vom Fliegen", Mythos der Hybris ikarischer Selbstüberhebung und daedalisch-kreativer Meisterschaft, gilt als charakteristisches Motiv des fin des siècle. Die Luftfahrt war "modern": Sie war sowohl revolutionäres wissenschaftlich-technisches Projekt als auch Emblem für die kulturellen Turbulenzen und Ambivalenzen der Epoche.
Die wissenschaftliche Fahrt des "Humboldt"
vom 1. März 1893. Quelle: Linke, Franz,
Die Luftschiffahrt von Montgolfier bis Graf Zeppelin,
Berlin, A. Schall 1909, Einschub zwischen S. 240 und 241.
Die Arbeit untersucht die Genese des Forschungsfeldes Luftfahrt um 1900 als Teil der Luftfahrtbegeisterung der Moderne. Sie stellt die Wissenschaften im Ballon in Deutschlands Luftfahrtvereinen der 1880er Jahre in das Zentrum eines modernen Luftfahrtmythos, nach dem die Befreiung des Menschen von der Erdenschwere sowohl technisch aus eigener Kraft, als auch mittels der rationalen Produktion von Wissen über den Luftraum vollbracht wurde. "Luftfahrtmythen", so die zentrale These, waren mit ihrer technischen Realisierung nicht überholt, sondern wiederholten sich in der Luftfahrtforschung und Luftfahrttechnik.
Im Konzept des Mythos verbindet die Arbeit die Ambivalenz von Fiktion, Konstruktion und Realität von Weltentwürfen. Mythen, semiotische Konstruktionen wie kulturell tradierte Narrationen, formulieren "Wahrheiten" und konstruieren sie zugleich wirksam. Im ersten Teil der Arbeit wird das Spannungsverhältnis von Mythos und Moderne anhand des "Traums vom Fliegen" untersucht. Flugmetaphern und -phantasien in Kunst und Literatur der Jahrhundertwende werden mit den technischen Luftfahrtkonstruktionen sowie der entstehenden Luftfahrtforschung konfrontiert. In der Flugsehnsucht, so das Argument, verbanden sich Vorstellungen der Aneignung göttlicher Macht zur Befreiung der Menschen aus seiner Erdgebundenheit und der Befreiung von den gesetzten Schranken der Natur durch wissenschaftlich-technisches Fortschreiten. Entlang der Rezeption der daedalisch-ikarischen Mythologie um 1900 wird der Begriff des "Luftfahrtmythos" formuliert und argumentiert, dass die Hybris ikarischer Selbstüberhebung und daedalisch-kreativer Meisterschaft insofern als charakteristisches Motiv der Moderne gelten kann, als sie den kulturellen Turbulenzen des fin de siècle Sinn und Ausdruck verlieh. Luftfahrtversuche waren heroische Versprechen moderner Naturwissenschaft und Technik, das Unmögliche zu vollbringen.
Zusammengefasst zeigt dieser Teil der Arbeit, dass Luftfahrttechnik um 1900 nicht eine Realisierung des Luftfahrtmythos war, sondern eine Form seiner Neuerzählung.
Im zweiten Teil der Arbeit werden die Luftfahrtvereine der Jahre 1880 bis 1910 als diejenigen Kollektive untersucht, die Luftfahrtfaszination, Luftfahrttechnik und Luftfahrtforschung in Deutschland mit der Ballonfahrt öffentlich etablierten und legitimierten. In der Vereinsgemeinschaft wurde Ballonfahren als Massenphänomen, als Sport und Vergnügen einer bürgerlichen Elite und als neuer Forschungsbereich organisiert. Einerseits ein Ort der Performation von Konzepten bürgerlicher Männlichkeit, nationaler Stärke und wissenschaftlicher Rationalität, erwies sich der Verein andererseits als Katalysator der Produktion von Luftfahrtwissen und einer "Professionalisierung" der Luftfahrtforschung.
Anhand der Entstehung der aeronautischen Meteorologie, der wissenschaftlichen Ballonfahrt zur meteorologischen Erforschung der Atmosphäre, wird der Prozess der personellen und organisatorischen Spaltung im Vereinswesen in den Jahren 1899 bis etwa 1905 nachvollzogen, der zur Verselbständigung und Institutionalisierung des Forschungszweiges "Aerologie" führte. Als international organisiertes Programm zeitlich und räumlich lückenloser Atmosphärenbeobachtung leistete die Aerologie einen Beitrag zu den imperialistischen, geostrategischen Konstellationen der Jahrhundertwende. Die Daten, die im Zuge der Serien- und Simultanballonaufstiege gesammelt wurden, eröffneten zugleich den atmosphärischen Raum und forcierten dessen Erschließung.
Die Arbeit zeigt, dass meteorologische Expeditionen die Ausbreitung der Forschungsarbeiten über die Erdoberfläche etablierten, während die Universalität des gewonnenen Wissens die Omnipräsenz seiner Produzenten legitimierte. Die international organisierte Aerologie bevollmächtige und bestätigte die nationale Raumaufteilung in der Blütezeit des Imperialismus. Als "angewandte Wissenschaft" strebte die Ballonfahrt in Deutschland nach dem "Platz an der Sonne".
Bibliografische Angaben
Sabine Höhler, Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos, Wissenschaftliche Ballonfahrt in Deutschland, 1880-1910, Frankfurt/New York, Campus 2001.
Die Arbeit ist erschienen im Campus Verlag
.
Rezension von Rüdiger Haude in Sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 vom 15.06.2003
http://www.sehepunkte.historicum.net/2003/06/1984
Great Expectations: Spatial Frontiers in 19th and 20th Century Oceanography
Das Prinzip der direkten Echo-Messung.
Quelle: Schott, G., "Messung der
Meerestiefen durch Echolot",
Wissenschaftliche Abhandlungen des
21. Deutschen Geographentages zu Breslau
vom 2. bis 4. Juni 1925,
("Verhandlungen des Deutschen Geographentages",
Bd. 11), Berlin, Dietrich Reimer 1926,
S. 140-150, hier S. 141.
This project investigated the scientific and technological conceptualization and colonization of oceanic space in 19th and 20th-century oceanography. Addressing the question how the oceans from plane surfaces changed into volumes of evident spatial dimensions, sounded and charted in processes of deep-sea research, the project sought to contribute to current approaches to the history of spaces as objects as well as effects of scientific knowledge production. Moreover, it aimed at providing new insights to the question of the scientific and technological perception and representation of abstract spatial entities denying access through direct observation.
Starting point was the international onset and organization of oceanographic research projects, which explored the deep sea from 1850 onward as part of the imperial ventures of their time. The aim was to show how, in the course of a century, the opaque ocean of the mid 19th century was densely depicted in physical terms and transformed into a technically and scientifically sound oceanic volume. Perceived through remote investigation, ocean space had to be based on an archival construction, that is, on information accumulating in a combination of conceptual, pictorial, and technological depth performance.
Single measurements were arranged into profiles and contour line charts. In a first step, the fabrication of ocean space was investigated focusing on the wire sounding routines of oceanographic expeditions. The project explored how depth became a matter of scientific definitions, systematic measurements, and graphic representations. Resembling a narrated or written story, the argument was that the texture of ocean depth depended on the richness and coherence of its plots.
Morphologisches West-Ost-Profil des Nordatlantischen Ozeans.
Quelle: Deutsche Atlantische Expedition auf dem Forschungs- und Vermessungsschiff "Meteor",
Bd. 2: Maurer, Hans, Die Echolotungen des "Meteor", Berlin/Leipzig, de Gruyter 1933, Beilage XXIX.
In a second step, the project attended to the beginning of intensive oceanographic research initiated in the 1920s by the "German Atlantic Expedition" (1925-1927), one of the prestigious projects of the "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", the German association promoting the sciences after World War I. The expedition aboard the Meteor became famous for systematically sounding and charting a large part of the South Atlantic Ocean's floor. Also, it was the first expedition to make extensive and systematic use of the technology of acoustic sounding. Whereas oceanographers' use of line and lead had depended on the solidity of physical, tactile reaching to the ground, taking bottom samples and measuring the length of paid out wire, acoustic sounding instruments developed after the First World War materialized the oceanic volume differently.
Relying crucially on the water volume as a body of acoustic properties, echo time measurement provided a means of multiplying the number of deep-sea echo soundings to quasi-infinite density: sounding frequency became the measure of space gained. Focusing on two examples of the Meteor's depth charts, the profile and the bathymetric chart, the project argued that these visualizations of ocean depth not only claimed to be evidence of Germany's unbroken scientific excellence; they also acquired symbolic meaning within the German after-war struggles to regain lost colonial territory. The depth profiles and charts created public space for the revaluation of the German nation by visually constituting a new spatial realm of German influence. Coherent and authentic pictures developed from single depth measurements allowed for conceptualizing the abstract data volume of oceanographic space in terms of newly procured national grounds.
"Raumschiff Erde": Lebensraumphantasien im Umweltzeitalter
Full Earth. Quelle: "Silent Running".
Regie Douglas Trumbull, Darsteller Bruce Dern.
USA 1972.
Dieses Projekt untersucht die diskursformierende Kraft der Figur des "Raumschiffs Erde" im "Umweltzeitalter" der 1960er und 1970er Jahre.
Es geht der These nach, dass das Raumschiff Erde nicht allein als eine Metapher für den fundamentalen Wahrnehmungswandel des irdischen Lebensraumes als geschlossen und endlich diente, sondern auch als Modell und Bauplan für eine spezifisch wissenschaftlich-technische Bewirtschaftung des Lebens in seinen natürlichen Grenzen. Unter der Prämisse, dass Raum eines der zentralen Themen des 20. Jahrhunderts darstellte, untersucht die Arbeit den Umweltdiskurs in der zweiten Jahrhunderthälfte hinsichtlich seiner Problembeschreibungen und Umgangsweisen mit räumlicher Begrenztheit.
Das Raumschiff dient dabei auch als ein analytischer Begriff, um die Wahrnehmung der Endlichkeit und die Regime der Effizienz zu verschränken, die sich im Erddiskurs ausbildeten. Das Projekt geht der Figur des Schiffs in der westlichen Kulturgeschichte nach und verfolgt dessen Spuren im zeitgenössischen Umweltdiskurs von der Arche bis zum Rettungsboot. Schiffsnarrative von Eingeschlossenheit und Ausgeschlossenheit, von wissenschaftlicher Exploration und Expansion, von Übergang und Aufbruch, von Vertreibung und Selektion, sowie von Vergänglichkeit und Überleben bildeten den Hintergrund für die Autarkie und Steuerbarkeit, die das Raumschiff versprach, und ebenso bereicherten sie die Vorstellungen der Miniaturisierung und der Substitution der Erde in den Phantasien der Weltraumbesiedelung. Raumschiff Erde, so die These, markierte den Planeten als temporäre Umgebung und projektierte ein Überleben der Menschheit anderswo, gegründet auf rationale Planung sowie auf die optimale Kombination funktional zusammenwirkender technischer und natürlicher Einzelteile.
"Population Behavior Modes".
Quelle: Meadows, Donella H., Meadows, Dennis L.,
Randers, Jørgen, Behrens, William W. III,
The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s
Project on the Predicament of Mankind,
New York, Universe Books 1972, S. 91-92.
Das Projekt zieht zeitgenössische Utopien und Dystopien in Science Fiction Filmen und Literatur ebenso heran wie verschiedene wissenschaftlich-technische Problembeschreibungen und Lösungsentwürfe aus den Bereichen Systemökologie, Humanökologie und Biosphärentechnologie, um übergreifende Motive wie Abgeschlossenheit, Kapazität, Gleichgewicht und Effizienz in den zeitgenössischen Debatten zum irdischen Lebensraum herauszuarbeiten. Diese Motive wiederum waren mit biopolitischen Maßnahmen verknüpft: auf das Leben gerichtete Technologien, die das Leben als quantifizierbar und inventarisierbar formten und auf räumliche Einheiten bezogene Grenzen berechenbar werden ließen.
Um diese neuen wissenschaftlichen Zugriffe auf Natur und Leben auszuarbeiten geht die Arbeit erstens dem Wandel der Biosphäre von einem Behältnis des Lebens zu einem irdischen "Lebenserhaltungssystem" nach. Die Repräsentationen ökologischer Verhältnisse im "System Erde" zogen Optimierungsstrategien nach sich, mit welchen sich Wissenschaft und Technik als Problemlöser gerierten.
Biosphäre 2. Quelle: Gentry, Linnea, Liptak, Karen,
The Glass Ark. The Story of Biosphere 2, New York, Puffin Books 1991, S. 24.
Zweitens nimmt die Arbeit die humanökologischen Rechenleistungen zur Begrenzung der Weltbevölkerung in den Blick. Für die Arithmetik und Ökonomie der "Überbevölkerung" wurde das Konzept der ökologischen "Tragfähigkeit" der Erde entscheidend.
Drittens untersucht die Arbeit Ansätze der Simulation und Substitution des ganzen Planeten. Das Projekt der "Biosphäre 2" zielte darauf ab, einen zukunftsfähigen Surrogat-Lebensraum zu entwickeln, der als Prototyp einer Weltraumkolonie dienen sollte. Hier wurde das Raumschiff Erde als moderne Arche realisiert.
Buchveröffentlichung: Beam us up, Boulding! 40 Jahre "Raumschiff Erde"
1966 formulierte Kenneth E. Boulding in seinem Aufsatz "The Economics of the Coming Spaceship Earth" seine Visionen zur Bewirtschaftung der Erde unter der Bedingung langfristiger weltweiter Ressourcenverknappung. Mit seinem Plädoyer für einen streng zyklischen Erdhaushalt innerhalb absoluter Grenzen brach er mit lieb gewonnenen westlichen Vorstellungen von unbeschränktem Konsum durch unerschöpfliche Rohstoffquellen und unendliche Möglichkeiten der Entsorgung von Wohlstandsabfällen. Sein Appell entfaltete weit reichende Wirkung. Zugleich zeigt die Betrachtung des Umweltdiskurses seit den 1960er Jahren, dass Begriffe wie Wachstumsgrenzen, Nachhaltigkeit oder eben das "Raumschiff Erde" kontingente Problembeschreibungen sind, die bestimmte Dinge in den Blick rücken und andere ausblenden.
Zum vierzigjährigen Jubiläum wird mit diesem Heft erstmals eine deutsche Übersetzung des Textes von 1966 sowie eines Nachworts von Boulding, "Spaceship Earth Revisited" von 1980 vorgelegt. Drei Kommentare ordnen die Texte historisch und theoretisch ein: Blake Alcott führt aus, welche Bedeutung die Vorstellung natürlicher Expansionsgrenzen für den ökonomischen Diskurs gewonnen hat. Fred Luks nimmt eine ökonomisch-theoriegeschichtliche Einordnung des Raumschiff-Textes vor. Er erläutert Bouldings Platz im ökonomischen Diskurs und betont die Bedeutung, die sein Werk im Allgemeinen und der Raumschiff-Text im Besonderen für die Entwicklung der Ökologischen Ökonomik hatten. Sabine Höhler interpretiert die Figur des "Raumschiff Erde" kulturgeschichtlich als einen Mythos des Umweltzeitalters, in dem sich Fortschrittshoffnungen und Zukunftsängste verbinden ließen. Sie geht insbesondere den Implikationen der Funktionalität, Selektivität und Ortslosigkeit des Raumschiffbildes nach.
Bibliografische Angaben
Sabine Höhler und Fred Luks (Hrsg.), Beam us up, Boulding! 40 Jahre "Raumschiff Erde"
(Themenheft zum 40. Jubiläum von Kenneth E. Bouldings "The Economics of the Coming Spaceship Earth", 1966),
Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Beiträge und Berichte Heft 7 (2006), ISBN 978-3-9811006-1-7, 59 Seiten.
Vorstellung des Buches bei der Vereinigung für ökologische Ökonomie e.V.
http://www.voeoe.de/rubrik/5/veroeffentlichungen/
"Life Support": Lebensraum im Experiment
Skylab Orbital Workshop 1973 mit Sonnensegel
(im Vordergrund eine V2-Rakete).
National Air and Space Museum, Washington, DC,
eigene Aufnahme.
"How can the human race survive the next hundred years? In a world that is in chaos politically, socially and environmentally, how can the human race sustain another 100 years?" Mit dieser Frage im Internet-Forum Yahoo! belebte der britische Physiker Stephen Hawking im Sommer 2006 die Debatte um die Kolonisierung des Weltalls. Angesichts von Viren, Terror und Kriegen, schwindenden Ressourcen, Umweltverschmutzung und globaler Erwärmung sei die Zukunft der Menschheit langfristig nur zu sichern, wenn sie in das Weltall ausschwärmte und andere Planeten kolonisierte. Dazu seien die Menschen soweit zu adaptieren, dass sie als neue Gattung des homo spaciens auf anderen Planeten überleben könnten.
Das Projekt untersucht die Konzeption und Realisierung von experimentellen Laborumwelten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es geht der Experimentalisierung von Lebensräumen im Zusammenhang mit Vorstellungen des "Lebenserhalts" nach und fragt nach den neuen Lebens- und Überlebensprinzipien, die dabei Raum greifen. Wohl nicht zufällig verwendete Hawking die Verben "aufrechterhalten" und "überleben". Diese Begriffe sind uns aus der medizinischen Praxis geläufig, wo Körperfunktionen durch lebenserhaltende Maßnahmen klinisch stabilisiert werden. Technische Lebenserhaltungssysteme sichern aber auch das Überleben in abiotischen Umwelten, in denen menschliches Leben nicht vorgesehen war. Unterseehabitate und Weltraumstationen bilden hierfür nur die bekanntesten Beispiele. Insbesondere die Raumfahrt wurde und wird häufig als eine Exit-Strategie betrachtet, um anderswo ökonomischere, resistentere und nachhaltigere Lebensräume zu schaffen als diejenigen, die den Menschen heute zur Verfügung stehen.
Das Projekt erforscht, in welcher Weise die Idee und Technik des "Life Support" sowohl die Lebensbedingungen in Raumlaboren als auch die Wahrnehmung des endlich gedachten irdischen Lebensraumes ausrichtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfestigten sich als grundlegend erachtete Funktionen des Überlebens nicht nur in der Semantik und der Technik der Raumfahrt, sondern auch in der Systemökologie. Seit der Umweltrevolution hängen wir alle an der Lebenserhaltungsmaschine des Blauen Planeten, der wie ein Raumschiff in der absoluten Leere des Weltalls zu schwimmen scheint. Leben stand von nun an in direkter Abhängigkeit zu den bedrohten Lebenserhaltungsfunktionen der Umwelt; das "Überleben der Menschheit" wurde zu einem zentralen Topos. Die Auffassung der irdischen Biosphäre als gigantische Intensivstation, so die These des Projekts, definierte in der Konsequenz das "Überleben" als ein experimentelles, technisch aufrechterhaltenes und zugleich suspendiertes Leben im permanenten Übergang.
Welt-Räume: Raum- und Globalgeschichte
Unisphere. Offizielles Symbol der Weltausstellung
in New York, 1964/65.
Quelle: New York World's Fair 1964/1965.
Official Guide, von den Herausgebern der
Time-Life Books, New York 1964, S. 178.
Globalisierung ist kein Gegenwartsphänomen. Die "ganze Welt" hatte bereits um 1900 Konjunktur, als Weltreisen und Weltverkehr den Globus zugänglich und erfahrbar werden ließen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts als eine Geschichte räumlicher Wahrnehmung und geographischen Wissens schreiben.
Der Band Welt-Räume. Geschichte, Geographie und Globalisierung seit 1900 entstand in Zusammenarbeit mit Iris Schröder (Humboldt Universität zu Berlin) und erschien im Frühjahr 2005 bei Campus in der Reihe "Historische Studien". Er greift die derzeitige Konjunktur des Raumes in den Kulturwissenschaften und der kritischen Geographie auf und entwickelt eine erst neuerdings im deutschen Sprachraum geführte Diskussion über Globalität und eine neue Globalgeschichte weiter. In Beiträgen aus Geschichte, Wissenschafts- und Geographiegeschichte untersucht dieser Band, wie Wissen und Wissensformen in globalem Maßstab hervorgebracht und legitimiert wurden, und wie in diesem Zuge die Erde als eine räumliche Einheit erfahrbar und wahrnehmbar wurde. In einleitenden und ausblickenden Aufsätzen legen die Herausgeberinnen einen umfassenden Überblick über unterschiedliche Ansätze einer Geschichte des Raums und eine Programmatik für eine Geschichte der Globalität im 20. Jahrhundert vor.
Die Autorinnen und Autoren zeigen dann an Beispielen, wie die Erde vermessen, erfasst und organisiert wurde; sie tragen damit zu einem historisch fundierten Verständnis gegenwärtiger Weltordnungen bei.
Bibliografische Angaben
Iris Schröder und Sabine Höhler (Hrsg.), Welt-Räume. Geschichte, Geographie und Globalisierung seit 1900 ("Historische Studien" Bd. 39), Frankfurt/New York, Campus 2005.
Der Band ist erschienen im Campus Verlag
Buchbesprechungen
Rezension von Helmuth Trischler in H-Soz-u-Kult vom 27.09.2005
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-189
Rezension von Daniel Speich in Sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 vom 15.12.2005
http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/12/7915.html